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Konzerte
2007
Charlotte Hatherley@Markthalle Hamburg 10.12.2007 | Charlotte Hatherley@Markthalle Hamburg 10.12.2007 |
| Geschrieben von Bernd | |
| Sonntag, 16. Dezember 2007 | |
![]() Charley Stone, Charlotte Hatherley,Jen romantisch angeordnet in der kleinen Markthalle Freigeschwommen in der blauen Tiefe Charlotte Hatherley / Something Beginning With L Ein Bericht von Martin Anders Sinnlos, es zu leugnen. Daher eins vorweg, dann ist es raus: Der Autor ist Charlotte-Hatherley-Fan. Um es zu verdeutlichen: Selbst für die Garderobe der Ex-Ash-Gitarristin liegt hier Expertentum vor, nur allzu bekannt glitzerten beispielsweise die goldenen, glamourösen Rock´n´Roll-Pumps von der Bühne und erinnerten an diverse Presse-Fotos... Ein bedenkliches Bekenntnis?
Wie auch immer, eingedenk dieser mittelschweren journalistischen Problemlage muss und soll im Folgenden natürlich versucht werden, die Perspektive zu versachlichen und vor allem auf das musikalische Geschehen zu lenken. Und das sah so aus: Die Rahmenbedingungen versprachen einen adventlich-besinnlichen Indie-Abend. Unterstützt würde die Mensch gewordene Blaupause aller „Indie-Mädchen“ bei ihrem Akustik-Auftritt von gleich zwei Gitarristinnen- namentlich Charley Stone und Jen, wobei Letztere im Alleingang gleichzeitig als Support-Act Something Beginning With L firmierte.
Der klangliche Aperitif also: Besagtes „L“ stand - beobachtet von Charlotte Hatherley selbst, die im Publikum fröhlich mitapplaudierte - für berückend spröde, introspektive, phasenweise beklemmende Lieder über Zweifel und Verlust. Eine ganz bestimmt zur Location des kleinen Saals der Hamburger Markthalle passende Beschallung, denn passend zur Vorweihnachtszeit war die Bühne mit schicken Lichterketten ausstaffiert worden, die Beleuchtung benahm sich kleinlaut und unhektisch, und vor der Bühne waren ganz im „MTV-Unplugged“-Stil einige Reihen mit Sitzbänken platziert worden. An Intimität mangelte es dem Abend ohnehin nicht: nur wohlwollend geschätzte 50 Zuhörer hatten sich an diesem spätherbstlichen Montagabend auf den Weg gemacht, um Zeugen von Miss Hatherleys akustischen Neuinterpretationen zu werden.
Aber die durften sich als Teil einer belohnten Elite fühlen - Auftakt: Unprätentiös ließen sich die Hauptfigur des Abends und ihre Mitstreiterinnen - ganz rock´n´roll-esque mit einer Jack-Daniel´s-Flasche bewaffnet - auf den zu Sitzgelegenheiten umfunktionierten, gepolsterten Astra-Kästen nieder. Und ohne Fisimatenten wurde dem Publikum direkt mal eins der unmittelbarsten Hatherley-Stücke vor die Füße geworfen, nämlich die wunderbar trotzige Ich-bin-drüber-weg-Single „I Want You To Know“ - siehe auch das zugehörige Box-Video. Diesem Auftakt schloss sich ein variantenreicher, auf Reduktion hin umgemodelter, akustischer Rundgang durch den Hatherley´schen Kanon an, zwischen den Stücken immer wieder unterbrochen von den herrlich trockenen Einwürfen der Protagonistinnen. So wunderte sich Charley Stone gespielt empört und in charmant-unperfektem Deutsch darüber, dass sie nach all den Auftritten hierzulande noch immer kein „deutsches Fräulein“ geküsst habe. Die wohlig geerdete Attitüde der drei Damen unterstrichen auch die äußerst unbornierten Fußnoten zu den Stücken durch Charlotte Hatherley selbst. Offenbar ging sie (fälschlicherweise) davon aus, dass die Songs für weite Teile des Publikums völliges Neuland bedeuten würden. „For those of you who don´t know the album...“ Künstler-Arroganz? No way. ![]() Dass es sich bei den vor der Bühne Versammelten nicht ausschließlich um Hatherley-Novizen handelte, wurde durch die hörbar wohlwollenden Reaktionen mehr als deutlich. Rockshow-Wolfsgeheul inklusive! Für Interaktion war so oder so gesorgt, denn auch um die drei von der Bühne aus angeforderten Jägermeister ließen sich die Hamburger nicht lange bitten. Der letzte Auftritt der Deutschland-Tour musste schließlich gemeinsam begangen werden.
Zurück zum Wesentlichen, und da bewies die 28-jährige einmal mehr: Das irreführende “Ex-Ash”-Etikett trifft es mittlerweile nun so gar nicht mehr. Dem finalen Ash-Album mit offizieller Hatherley-Beteiligung, „Meltdown“, fehlte es schon an substanziellem weiblichen Input. Kein Wunder, denn angesichts der fetten Heavy-Rock-Wände des Albums hapert es einer Künstlerin, die zu ihren wichtigsten Einflüssen die Pixies und David Bowie, aber auch XTC und die Wings zählt, naturgemäß an Identifikationsmöglichkeiten. Und wenn es dann noch zwischenmenschlich im Gebälk knatscht, ist so ein Abgang auch nach langen Jahren schnell beschlossene Sache. Aber sehen wir es positiv: „The Deep Blue“ ist ein musikalisch emanzipatorisches, facettenreiches Gebilde, aus dem man neben den oben genannten auch mal die Cocteau Twins, Kate Bush oder die Beach Boys heraushören kann. Und all das ebenso vielschichtig produziert von Eric Drew Feldman, einst Mitglied von Captain Beefheart´s Magic Band. Tolles Album! Die für „Indie-Verhältnisse“ im Studio ambitioniert arrangierten Stücke, inhaltlich zumeist mit Trennung und Neuorientierung befasst, wirkten live und akustisch vorgetragen umso unmittelbarer, ungekünstelter und berührender. Aufwachen, Welt, hier entwickelt eine Künstlerin ihre Identität! Und zwar eine sehr interessante, weil eigenständige.
Neben dem eklektischen Song-Puzzle von „The Deep Blue“, und zusätzlich zu den Post-Punk-artigen Stücken ihres Solo-Debüts schenkte uns die Londonerin zwei wunderbare Coverversionen. Abbas „The Name of the Game“ entfaltete sich dabei zunächst dem Publikum in seiner ganzen verzweifelten Schönheit. Tja, wann wird die Welt endlich begreifen, dass diese Band nicht nur als Retro-Partyfutter zu gebrauchen ist, sondern unfassbares Pop-Genie darstellt? Darbietungen wie die gehörte könnten ja eigentlich mittelfristig ein Umdenken fördern - wenn doch nur ein paar mehr Leute zugehört hätten. Fragt man sich doch, was zum Teufel der Rest der Welt an diesem Abend Besseres vorhatte? Ach, The World Won´t Listen.
Auf eine weitere Hommage, diesmal in Form des bekannten „Kim Wilde“ folgte gegen Ende der Show - na was wohl - die zweite, genauso astreine Coverversion des Wild´schen Über-Popsongs „Kids In America“. Angeleitet durch La Hatherley partizipierte dabei das Publikum an genau den richtigen Stellen durch ein herzhaft gebelltes „Wo-ho!“. Partystimmung beim Akustik-Gig, yeah!
Schlussakkord: Nachdem sich das Terzett die zwei Treppenstufen von der Bühne hinab steigend des Auftritts entledigt hatte, wollte der Zugabenapplaus, scheinbar überraschend für die Betroffenen, nicht enden. Schon auf Aftershow-Abläufe eingerichtet, wurden sie jedoch von Mitarbeitern der Markthalle mit sanftem Druck überzeugt, die Bühne doch besser noch mal zu betreten - der kleine aber feine Feinschmecker-Zirkel wollte mehr.
Zurück im Rampenlicht und augenscheinlich peinlich berührt gestanden Hatherley und Charley Stone freimütig, bereits alle verfügbaren Songs vebraten zu haben. Schnurstracks wurde folglich dazu übergegangen, per Volksabstimmung zu entscheiden, welcher Titel denn ein zweites Mal gespielt werden sollte. Die Wahl fiel auf „Behave“, und mit jenem populären Absacker verabschiedeten sich Hatherley und Co. dann doch von den Hamburgern - nicht ohne vorher die Merchandise-Abwicklung am nahe gelegenen Behelfstisch selbst zu übernehmen. „You don´t have to buy anything, but I´ll sign whatever you want...“
Ein gelungener Abend nahm so einen sehr menschlichen Ausklang. Geboten wurden stellenweise verdrehte Pop-Kunst, ungekünsteltes Auftreten und straightes Songwritertum - und mutmaßlich jeder Anwesende verließ die Veranstaltung mit einem besseren Gefühl als vorher - einschließlich des leicht kränkelnden Popsecret-Agenten, der sich nun wieder mit den Tücken des Hamburger Schmuddelwetters abzumühen hatte. It´s just another Manic Monday... Aber heute nicht ganz, denn eins wurde klar bestätigt: Charlotte-Hatherley-Fan wird man aus sehr guten Gründen!
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