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Popsecret Interview: Charlotte Hatherley
Geschrieben von Bernd   
Montag, 17. Dezember 2007

Popsecret Interview Nr.2
Charlotte Hatherley im Gespräch mit Martin Anders

Wie würdest du selbst die Entwicklung von deinem ersten zum zweiten Album beschreiben?

 

Ich würde sagen, das erste Album ist eher das Produkt eines Teenagers, mehr eine Punk-Pop-Platte. Ich habe wirklich nicht gedacht, dass sich überhaupt irgendwer dafür interessieren würde. Es war mehr ein Nebenprojekt, nur so zum Spaß. Damals dachte ich, wenn das niemandem gefällt na ja, ich bin immer noch bei Ash, aber dieses Mal war das natürlich anders, ohne Netz und doppelten Boden.

Diese Platte ist viel dramatischer, viel gedankenschwerer. Es ist eine ehrliche Platte, die auch durch meinen Abgang von Ash und vielen Veränderungen in meinem Leben geprägt wurde. Es gab da eine Phase der Unsicherheit - es ist also ein völlig anderer Kontext, in dem diese Platte entstanden ist.

Musikalisch ist es nicht unbedingt eine Gitarrenplatte. Es gibt einige Geigen-Arrangements. Klavier, Bläser, viele verschiedene Sounds. Also wirklich keine Ash-Platte, sondern ein vollwertiges Solo-Album.

 

 

Gibt es inhaltlich einen roten Faden durch das Album?

 

Textlich geht es schon darum, sein Leben zu verändern. In diesem Jahr änderte sich vieles. Zu dem Zeitpunkt hatte ich erkannt: dies und jenes funktioniert nicht, dies und jenes ist nicht gut, und ich bin sehr viel Mist losgeworden, der sich in meinem Leben angesammelt hatte.

Ich glaube, die Platte zu machen war so gesehen sehr therapeutisch, fast wie eine Art Exorzismus, um all die Probleme loszuwerden. Es gibt also schon eine Art roter Faden, nicht zuletzt eben die Ungewissheit nach der Trennung von Ash. Ehrlich gesagt hatte ich danach ganz schön die Hosen voll. Ich war mit 18 Jahren bei Ash eingestiegen, und musste mir seitdem nie um irgendwas Gedanken machen.

Es ging also darum herauszufinden, was eigentlich um mich herum los war. Und außerdem werde ich nächstes Jahr 29, und es ändern sich einfach viele Dinge im Leben. Wenn man so will, ist es einfach Produkt einer bestimmten Lebensphase. Und einer Trennung.

 

 

Wie kam es zu der Akustik-Tour?

 

Na ja, ich würde mir nie eine Band auf Akustik-Tour ansehen. Das beschwört in mir Bilder von wirklich schrecklichen, langweiligen Konzerten herauf. Und dann auch immer diese typischen Mädchen mit Gitarren, sehr uninspirierend.

Der Punkt dieser Tour ist, wir sind drei Mädchen, die Spaß haben und wollen zeigen, dass es NICHT Mist sein muss. Und von allen Tourneen, die ich bisher gemacht habe, hat diese hier den größten Spaßfaktor.

Aber es ist nicht unbedingt nur „einfacher“ mit so einer reduzierten Besetzung. Auf der einen Seite ist es organisatorisch zwar übersichtlicher und unkomplizierter, musikalisch ist es aber fast anspruchsvoller, weil man alle Stücke für das neue musikalische Setting umarrangieren und neu durchdenken muss.

 

 

Wie beurteilst du die sich momentan rasend schnell verändernde Musikszene?

 

Na ja, jeder kriegt momentan die große Panik wegen des angeblich drohenden Todes der Musikindustrie. Sehe ich nicht so, es gab wirklich tolle Alben dieses Jahr.

Ich selbst würde auch nicht dazu übergehen, lediglich einzelne Stücke als Downloads zu veröffentlichen, sondern immer lieber ein Album machen. Alben erfordern einfach ein viel größeres Durchdenken der ganzen Sache, man beschäftigt sich mit Fragen wie: Wie verbindet man die Stücke am besten miteinander, in welcher Reihenfolge sind sie zu hören, etc.

 

 

Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem legendären Alan Partridge, bekannt durch XTC, auf „The Deep Blue“? Der Song „Dawn Treader“ ist ja eine Gemeinschaftsproduktion zwischen dir und Andy.

 

XTC war schon bei „Grey Will Fade“ ein großer Einfluss, ebenso wie David Bowie. Aber das war eben der Punk-Pop-Einfluss von XTC, der eine große Rolle spielte. Ich fand es aber gut, dass das Stück, das Andy und ich für „The Deep Blue“ zusammen schrieben, überhaupt nicht wie etwas klingt, das XTC geschrieben haben könnten. Es ist sehr sanft. Er hatte zuvor mit dem Komponisten Harold Budd geschrieben, und war mehr daran interessiert, etwas Abstrakteres zu schreiben, als etwas im Pop-Punk-Stil.

Er hat ja den Ruf, ziemlich schwierig und exzentrisch zu sein. Graham Coxon hat mir erzählt, dass er Blurs „Modern Life Is Rubbish“ prodzuzieren sollte, aber am Ende haben sie ihn sozusagen gefeuert, weil er alles kontrollieren wollte. Ich verstehe schon, was die Leute meinen, aber ich saß einfach nur mit meiner akustischen Gitarre da, er schrieb etwas, ich nahm es mit nach Hause und veränderte es ein bisschen. Wir haben nicht wirklich zusammen an etwas gearbeitet.

Er veröffentlicht momentan einige Sampler mit XTC-Raritäten, schreibt aber auch für Pop-Leute, wie z.B. Jamie Cullum. Leider wurden XTC in den letzten Jahren auf Virgin Records nicht wirklich fair behandelt. Er kann einem ganz schön viele gute Ratschläge für dieses Geschäft geben (lacht).

 

 

Ich fand es schön, auf deiner Webseite zu sehen, dass du als einen deiner zahlreichen Einflüsse Paul McCartney und die Wings aufgeführt hat. Ich bin ja der Meinung, dass McCartneys Solo-Sachen völlig unterschätzt werden.

 

Es geht gar nicht nur um die Wings, sondern, bevor ich David Bowie entdeckt hatte, war ich auf irgendeinen Grund total von Paul McCartney besessen. Ich war in ihn verliebt, ich wollte, dass er mein Vater ist, ich wollte, dass er mich rettet.. Ich hörte mir all seine Platten an, auch Pipes Of Peace, Venus And Mars, Listen To What The Man Said, C-Moon, My Love, Band On The Run, Jet, einfach toll...all diese Lieder. Ich hatte immer irgendwie eine Schwäche für ihn. Aber wenn man das äußert, denken die Leute immer, man wolle sie veräppeln, die Musik sei doch so unglaublich schrecklich.. Aber einiges von ihm ist wirklich fantastisch!

 

 

Zuletzt sah man dich auf Tournee als Bassistin von Client - von wem ging die Zusammenarbeit aus?

 

Vor einigen Monaten wusste ich an einem bestimmten Punkt, dass ich mit anderen Musikern zusammenspielen wollte. Ich war dabei, eine Platte alleine herauszubringen, habe mit dem neuen Label begonnen...ich meine, die Platte hat sich ganz gut verkauft, aber so wie die Plattenverkäufe nun mal heutzutage sind, habe ich natürlich kein Geld verdient. Und nachdem ich sehr viel getourt hatte, z.B. als Vorband von Blondie in Großbritannien, hatte ich wirklich erst mal die Nase voll vom Touren auf eigene Verantwortung.

Also dachte ich, vielleicht sollte ich mal mit anderen Leuten spielen. Ich habe also E-Mails verschickt, in denen ich meine Dienste angeboten habe, so z.B. an Alan McGee („Oasis-Entdecker“ und Creation-Records-Architekt, Anm. d. Autors), der mir dann direkt geantwortet hat, dass die Bassistin von Client ausgestiegen wäre, und ob ich mit ihnen in Mexiko touren könnte (lacht). Alan ist ja mit Kate von Client verheiratet, und so ergab sich das.

Wir haben uns wirklich gut verstanden auf der Tour. Es war auch wirklich beeindruckend, laute elektronische Musik live zu spielen. Es ist fast „heavier“ als Rockmusik, wirklich ein großer Unterschied.

 

Danach wurde ich gefragt, ob ich mit Bryan Ferry als Gitarristin touren würde, unter anderem in Kasachstan und Marrakesch! Es macht großen Spaß, mit Leuten zu spielen, die man wirklich mag. Das ist cool, eigentlich keine richtige Arbeit. Das war wie ein anderes Leben, und dann kommt eben diese Tour, rein akustisch, nur drei Leute in einem Van, ein Mischer, ein Tour-Manager, und sonst nicht viel. Es war also wirklich ein Jahr der Gegensätze.

 

 

Abschließend - welches sind deine persönlichen Album-Highlights des Jahres?

 

Ich finde das von Battles, „Atlas“, hervorragend. Vor allem weil es total anders klingt als alles, was es sonst so gibt, ziemlich experimentell. Es gab ziemlich viel „Indie Boy“-Mist in diesem Jahr.

Und es gibt da ein Mädchen namens Marnie Stern, sie hat auf dem amerikanischen „Kill Rock Stars!“-Label eine Platte namens „In Advance Of The Broken Arm“ veröffentlicht. Sie ist als Gitarristin totale Autodidaktin. Sehr heftige Musik, ein bisschen wie Deerhoof. Das ist meine Lieblingsplatte.

Ich weiß nicht, ob Du die Clor-Platte gehört hast. Kling so ein bisschen wie die Cardiacs, ziemlich elektronisch. Momentan suche ich mir aus vielen Ecken diese und jene Einflüsse zusammen, um eine Richtung für das neue Album zu bekommen. Und mit anderen Leuten zu spielen, hilft dabei natürlich auch. Die kommende Platte wird wahrscheinlich ziemlich poppig werden, vielleicht wieder eher wie „Grey Will Fade“, aber dann doch ein wenig anders. Ich mag Pop, aber auch ziemlich chaotische Musik, meine ideale Mischung sind dann also eher schräge Popsongs. Nicht nur so wie die Pixies, sondern ich bin auch an elektronischen Einflüssen interessiert. Luke Smith von Clor wird sie produzieren, ein ziemliches Genie.

 

 
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