Wie präsentieren sich R.E.M. im Jahr 2008? 27 Jahre sind seit ihrer Gründung vergangen, 14 durchaus unterschiedliche Alben erschienen. Haben sie noch Lust, sind sie noch relevant?
Nehmt bitte zur Kenntnis: die meisten aktuellen Gitarrenbands bringen nach ihrem Debüt nicht einmal ein zweites, geschweige denn ein drittes Album zustande.
Der Blick auf die R.E.M. Setlist dieses Abends veranschaulicht dagegen die schiere Zahl ihrer herausragenden Songs und Alben. Hey, sie spielen einige Lieder, die über 20 Jahre auf dem Buckel haben. Jawohl, dies sind die Indie-Klassiker meiner Jugend. Indie? R.E.M.sind eine Indie Band? Die haben doch ständig diese Radio-Hits und laufen auf WDR2! Tja, liebe Nerds, denkt bitte neu darüber nach. Wäre beispielsweise „Maps And Legends“ heuer und nicht schon 1984 veröffentlicht worden, sämtliche Indie-Blogger hätten den Song am Jahresende in ihren Top 10-Listen. Die Band aus dem studentisch geprägten Athens im Südosten der USA hat es während all der Jahre ihres Bestehens immer verstanden, sich im Spannungsfeld zwischen Indie-Sound und Stadionpublikum treu zu blieben und zu behaupten. Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills (+2 weitere Live-Musiker) begeistern das in Stadion-Größenordnung herbeigepilgerte Volk auf dem ehrwürdigen Residenzplatz in Würzburg einfach mit ihrem ureigenen Indie-Sound.
2 Tage zuvor hatten R.E.M. auf der Loreley-Bühne ein überzeugendes, überwiegend uptempo-rockiges Set gespielt, der Auftakt der Show in Würzburg zieht im gleichen hohen Tempo an. Die zahlreichen Langzeit-Hardcore-R.E.M.-Fans im Publikum gehen so richtig ab, als immer wieder eingestreute Perlen, wie eben Maps And Legends, Seven Chinese Brothers oder Time After Time aus den Anfangstagen der Band erklingen. Auch sonst herrscht eine euphorische, südländische Stimmung in Würzburg! Wer hätte das gedacht? Selbst Michael Stipe ist anscheinend überrascht von der Begeisterung. Da lässt sich Michael nicht lumpen und gibt einige Anekdoten zum Besten. Er habe aus Versehen statt seines Bühnenoutfits seine Streetwearhose angezogen. Und zwar die von vor 5 Jahren. Ein bisschen knapp säße die mittlerweile, daher habe er, falls es zu einem körpervolumenbedingten Unglück kommt, schnell noch eine Ersatzhose an den Bühnenrand gelegt. Und falls es doch etwas reißt: egal, Live-Drummer Bill Rieflin hätte schließlich schon vor der Show in der von allen einsehbaren Umkleidekabine unbemerkt von den Tausenden auf dem Platz mit einer kleinen Privat-Stripshow vorgelegt.
Michael ist gut drauf, am Mittag habe er die Barock-Schönheit der Residenz besichtigt, jetzt sei es an der Zeit, seinen Job zu machen. Er springt zur Hymne „The One I Love“ ins Publikum, Hände wollen gedrückt werden. Extrovertierte Mitsing-Hits von diesem Kaliber stehen bei R.E.M. gleichberechtigt neben den eher melancholischen Nummern. Es steckt viel drin im R.E.M.’schen Songbook: Bubblegum-Pop-Melodien, Weltschmerz, Kopfkino-Songs; und ein bisschen Politik natürlich. Liebe NME-Allerwelts-Wochen-Hypes: Ihr könnt es ja mal versuchen... Die Bühnenausstattung passt einmal mehr perfekt zur Band, die Videoprojektionswände sind genau passend dimensioniert, gerade richtig, nicht zu aufdringlich. Optisch interessant ist die Kombination von Video-Schnipseln aus der digitalen Konserve mit live eingespeisten mit Effekten angereicherten Band-bzw. Publikumsbildern.
Tja, Mike, Peter und Michael, was kommt noch für euch? Gehen R.E.M. den Weg des nah am Live-Sound eingespielten Accelerate weiter oder erwartet uns wieder ein ausgefeiltes Studiomeisterwerk ala Reveal? Setlist Living Well Is The Best Revenge Second Guessing What's The Frequency, Kenneth? The Wake-Up Bomb Drive Man Sized Wreath Seven Chinese Brothers The Great Beyond Hollow Man Walk Unafraid Ignoreland Electrolite Maps And Legends Animal Time After Time The One I Love Nightswimming Let Me In Bad Day I'm Gonna DJ Orange Crush Imitation Of Life
Zugabe:
Supernatural Superserious Losing My Religion Rockville (Don’t Go Back To) It's The End Of The World Man On The Moon |